Nach meinem jüngsten Dokumentarfilm FORGET BAGHDAD reagierten einige Leute irritiert, als sie vom Spielfilmprojekt SNOW WHITE hörten. So in etwa: Was hat ein älterer Filmemacher irakischer Herkunft mit einer melodramatischen Liebesgeschichte in der Zürcher Club-Szene am Hut?

Geprägt wurde meine Jugendzeit in der Schweiz durch die 70er Jahre, welche sich durch exzessive Teilnahme an Partys und Popkonzerten auszeichnete, wo natürlich Drogen konsumiert wurden und auch die Sexualität in all ihren Varianten ausprobiert wurde.

Sehr wahrscheinlich unterschied sich mein Leben nicht gross von dem meiner Hauptdarsteller im Film, welches aber in der Gegenwart spielt. Der einzige Unterschied zwischen damals und heute: Wir verstanden uns, bedingt durch eine rigide und jugendfeindliche Gesellschaft, als «Rebellen» gegen das System, während heute Popmusik, Drogen und Sexualität die hedonistische Speerspitze einer zynischen Konsumgesellschaft bilden.

Natürlich kam ich nicht wie Nico im Film aus «gutem Hause», aber der Migrantensohn Paco aus der Arbeitervorstadt entspricht gewissermassen meinem «Alter Ego». Auch wenn es damals noch keinen Hip Hop gab, ich hörte schwarze Musik, vertrat linksradikale Ansichten und erschreckte meine Mittelklasse-Freundinnen mit geballten Polit-Tiraden.

Aber ähnlich wie Paco im Film konnte ich mit meinen theoretischen Erkenntnissen zur Weltlage niemandem helfen, der Probleme mit der Realität bekam und nicht selten dabei abstürzte. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich kapierte, dass auch reiche Leute leiden können und dass die Lösung der sozialen Frage noch keine Antwort auf den Sinn des Lebens bereitstellt.

Vor diesem Hintergrund und nach eingehenden Recherchen in der Zürcher Clubszene entstand dann vor vier Jahren ein Expose mit allen wichtigen Filmcharakteren (Nico, Paco, Wanda und Boris). Und aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen konnte ich viele Szenen, Persönlichkeiten und kleine Nebengeschichten in SNOW WHITE auf authentischen Begebenheiten basieren lassen.

Als Filmemacher interessierten mich schon in meinen ersten Filmen grosse Emotionen in schwierigen Liebesgeschichten, welche sich an der Realität reiben. Bedingt durch meine arabische Kindheit, die von indischen und ägyptischen Melodramen geprägt wurde, war für mich zwar klar, dass SNOW WHITE im Hier und Jetzt spielen, aber neben einem fast dokumentarischen Realismus auch überhöhte und märchenhafte Momente in sich tragen sollte.
Ich wusste, dass ein Melodram (mit hoffnungsvollem Ausgang!), anders als meine früheren experimentellen Spiel- und Dokumentarfilme, auch ein grösseres und vor allem jugendlicheres Publikum erreichen konnte (und sollte).

Trotzdem wollte ich auch in einem populären Film mein Interesse an einer modernen Filmsprache nicht fallen lassen. Auch wenn ich mir vornahm, die Erzählung in den Vordergrund zu stellen und für gute Unterhaltung zu sorgen!

Idealerweise kamen mir Struktur und Inhalt des Projektes im Formalen sehr gelegen, da SNOW WHITE sowieso zu einem grossen Teil in der Musikszene spielt. So fühlte ich mich durch den Verzicht auf die klassische Hollywood-Dramaturgie (ein Held - ein Widerstand - ein Ziel) auch freier, um auf der visuellen Ebene musikalische Momente einzuarbeiten, wie z.B. die mehrfachen Bildüberlagerungen mithilfe von Split-Screen und Windows-Techniken.

Zur musikalischen Umsetzung gehört auch die Sprache. Dass mit SNOW WHITE zum ersten Mal ein bilinguer Film für die französische und deutsche Schweiz entstand ist, hat aber nichts mit Marketinggründen zu tun. Sondern mit dem Willen, unbedingt mit dem ausgezeichneten Sänger und Schauspieler Carlos Leal zusammen zu arbeiten, damit die männliche Hauptrolle so authentisch wie möglich hinüber kommt.

Samir, im Sommer 2005
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion