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Annabelle, August 2005 Samir, in «Snow White» wird gefeiert und gekokst, und die Mädels verdienensich die Miete, in dem sie mit «Sponsoren» ins Bett gehen. Sind die junge Leute wirklich so? Nein, natürlich nicht alle, aber ich war nach meinen Recherchen schon ernüchtert... Wir hätten auch einen Dokumentarfilm machen können, der wäre vielleicht noch härter geworden. Diese jungen Menschen akzeptieren es, dass gutes Aussehen einen Warenwert darstellt. Wenn der Mann in Ordnung ist, nicht zu dumm, nicht zu hässlich, nicht zu arm: Warum soll man dann nicht etwas mit ihm haben? Emanzipation und Feminismus sind bestenfalls Fremdwörter, schlimmstenfalls Schimpfwörter. Mich hat das schon beschäftigt. Andererseits kann ich nicht leugnen, dass mich diese jungen, attraktiven Menschen auch sehr anziehen. Ich bewundere, wie sie sich durch unsere zynische Gesellschaft durchmanövrieren. Keine Kritik? Jedenfalls gebe ich nicht ihnen die Schuld. So paradox das tönt: Die 68er und nachfolgende Generationen wie meine, die 80er, lieferten die Grundlage dieser Kultur. Auch wir haben den hedonistischen Akt als Rebellion gegen die Gesellschaft empfunden: «Das Individuum kommt zuerst», «Alles Private ist politisch» und so fort. Diese Parolen werden heute in völlig verdrehter Form in «Big Brother» und den «Docu Soaps» auf die Spitze getrieben. Es gibt genügend Beispiele für junge Leute, die ihre Ellebogen und ihre Schönheit einzusetzen, um voranzukommen. Warum handelt Ihr Film dann von einer Tochter aus reichem Haus, die sich aus dieser Konsumgesellschaft zu lösen versucht - und dabei ziemlich unter die Räder kommt? In erster Linie, weil ich eine alte Kitschnudel bin. Ich wollte ein klassisches Melodram machen, ich hege grosse Symphatien für gefallenen Frauenfiguren. In diesem Sinne bin ich eigentlich gar kein Macker; So gesehen manifestiert sich sozusagen meine weibliche Seite. Dass ich dabei ausgerechnet ein reiches Mädchen ins Zentrum stelle, hat viele irritiert: Wen interessiert so was schon? Klar, von meiner eigenen Herkunft her hätte ich natürlich ein Mädchen aus Schwamendingen nehmen müssen: Eine Frau, die sich von unten heraufkämpft und dann wieder abstürzt. Aber das ist eigentlich weniger spannend, als eine, die alles hat und es verliert. Die Wahl ist in erster Linie also dramaturgisch motiviert. Wenn Sie darüber hinaus eine Gesellschaftskritik herauslesen wollen: You're welcome! Der HipHoper Paco jedenfalls, Sohn einer spanischen Migrantenfamilie, steht dem Treiben dieser Jeunesse dorée kritisch, ja geradezu verachtend gegenüber. Sie haben ihn als Ihr Alter Ego bezeichnet. Richtig. Paco weiss immer alles besser, schaut aber nicht gerne in den Spiegel - ein Verhalten, das mir früher selbst nicht so ganz fremd war. Von Anfang an hatte ich für diesen Part Carlos Leal von Sens Unik im Sinn. Er sagte auch sofort begeistert zu. Mit dieser Besetzung war dann bereits klar, dass wir jemanden haben, der ein grösseres Publikum erreicht. Und auch seine Musik integrieren können, die ebenfalls viele Fans hat. Lässt sich sein Verhalten verallgemeinern? Sind es die Secondos, die einendistanzierten Blick auf die Konsumkultur werfen? Nein. Paco ist die Ausnahme; eher eine Art Stellvertreter meiner Generation, die noch politischer war. Allerdings nicht so sehr aus eigenem Verdienst, sondern weil auch unsere Eltern es waren, weil wir auf deren Geschichte zurückgreifen konnten. Das ist heute anders. Die Secondos beherrschen die Clubszene; bei unseren Castings waren die meisten Mädels Secondas. Aber die sind überhaupt nicht kritisch eingestellt, sondern nehmen sich die reiche weisse Oberschicht zum Vorbild. Als alter Hase des Arthouse-Kinos und Vertreter einer alternativen Bildsprache haben Sie hier mit dem Nachwuchsautoren Michael Sauter zusammengespannt, der sich dem Genreansatz verpflichtet fühlt. Wie verlief die Zusammenarbeit? Ich wollte unbedingt mit jemanden am Drehbuch arbeiten, der jünger ist als ich. Mit Michi ging das sehr gut, wir haben uns fantastisch ergänzt. Während ich gelegentlich zu sehr auf Harmoniebedacht bin, manifestiert er gerne mal seine dunklen Seiten, siehe «Strähl». Sie können davon ausgehen, dass die ganz finsteren Szenen alle von ihm sind. Das ist wichtig, denn der Film konnte ja nicht einfach nur schön und nett sein. Bei mir besteht zudem die Gefahr der ironischen Distanz, die in einem Melodram nun wirklich nichts zu suchen hat. «Snow White» ist Ihr erster «grosser» Film; einer mit Massenappeal. Macht das nervös? Am Anfang stand ja nicht mit der Wunsch, möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Wie bei jedem meiner Projekte kam zuerst das Interesse am Thema. Erst danach merkte ich, dass ich hier zum ersten Mal ein neues Publikum finden könnte; eines das über die treuen Fans meiner bisherigen Filme hinausgeht. Natürlich ist man da ein bisschen aufgeregt. Andererseits bin ich mit einem gesunden muslimischen Fatalismus gesegnet: Ich hab mir für diesen Film ein Bein ausgerissen, hab alle Mitarbeiter in den Wahnsinn getrieben und die Firma halb ruiniert. Der Rest liegt nicht mehr in meiner Hand. Das Publikum, a.k.a. Inschallah? Genau. |
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| Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion | |||