Basler Zeitung, 8. August 2005

«Hey, solche Leute gibt es» Samir über Kokain, Kommunismus und Konsumkids

Der Film «Snow White» des Schweizer Regisseurs Samir sorgt in Locarno für Gesprächsstoff: Er zeigt das dekadente Leben der Jugend and der Zürcher Goldküste.

In Ihrem neuen Film geht es um die Jeunesse dorée, um Clubkultur und Koks. Sollen diese Reizthemen den Film besser verkaufen?

Das Kalkül war nicht, Sex, Drogen, junge Menschen und Musik in einem Film zu haben - obschon ich nicht abstreiten kann, dass diese oberflächliche Welt mich auch anzieht - aber dennoch war das nicht der erste Gedanke.

Dann war der erste Gedanke, einen Film über Zürich zu machen?

Nein. Ich habe Zürich nur als Beispiel genommen für einen allgemeinen Zustand dieser Gesellschaft. Genauso gut könnte man sagen: Der Impetus für diesen Film war der Glaube an den Kommunismus.

Kommunismus?

Ich war ein glühender Anhänger der kommunistischen Religion. Aber irgendwann überlegte ich mir: Angenommen, wir hätten die ideale Gesellschaft, wo alle alles haben und alles steht ihnen zur freien Verfügung. Was machst du dann mit deinem eigenen Leben? Und dann dachte ich, hey, solche Leute gibt es, es sind die Reichen. Alles steht ihnen zur Verfügung. Aber den Sinn des Lebens, den müssen sie selbst finden.

Ist der Sinn des Lebens nicht etwas komplex, um in einen Film gepackt zu werden?

Nun, ich hätte auch eine einfache Geschichte erzählen können: ein Held, ein Konflikt, ein Ziel. Doch der Film widerspricht der ganzen neuklassischen Hollywood-Dramaturgie. Er erzählt einen mäandernde Geschichte, das war auch ein Handicap bei der Finanzierung. Natürlich wollte ich einen populären Film machen, aber nicht mit der Konzession, dass es simpel wird.

Was ist Ihnen am wichtig an der jetzigen Endfassung?

Die französischen Geldgeber beispielsweise wünschten eine entschlackte Story. Wir schrieben das Drehbuch um und reduzierten es auf 90 Minuten. Daraus wurde eine Geschichte von einem Teenie, der sich in einen Popstar verliebt, und alles läuft dann etwas schief. Als ich das sah, dachte ich: Das ist nicht der Film, den ich machen will. Ich habe den Anspruch, dass ein Film gut unterhält, dass man sich dann aber fragt: Was ist da dran? Wie funktioniert diese Gesellschaft und warum ist es so?

Wir sollen uns also fragen, warum so viele junge Menschen so viel Kokain konsumieren?

Es wäre doch komisch gewesen, diese Schicht der Schönen und Reichen ohne das Kokain zu zeigen, dann wäre der Vorwurf gekommen ich zeige nur das Schöne.

Trotzdem: Wie Sie das Kokain zeigen, ist es auch nicht sehr hässlich.

Weil ich nicht bloss eine Kokaingeschichte machen wollte. Ich wollte, das man kapiert, dass eine Droge zu dieser Gesellschaft gehört. Dabei wollte ich dieses Motiv weder dämonisieren noch formal überhöhen. Es gibt ja viele Kokainfilme, «Requiem for a Dream» zum Beispiel, da werden die ganze Zeit grosse Nasenlöcher gezeigt. Bei uns kommt das nur en passant vor.

Und inwiefern sagt das etwas über die Gesellschaft aus?

Den Zeitgeist einer Gesellschaft kannst du immer an den Drogen ablesen, die sie konsumieren. Dass jetzt Kokain und Ecstasy so angesagt sind, hat damit zu tun, dass beide Drogen suggerieren, dass man alles unter Kontrolle hat, immer gut drauf ist, den Überblick und dadurch ein überhöhtes Selbstbewusstsein hat. Beide Drogen suggerieren, dass man das an-und abstellen kann. Ich habe bei meiner Recherche haufenweise Kids getroffen, denen nicht bewusst war, dass sie Drogen konsumieren. Sie sagen: Ich bin kein Junky, ich nehme keine Nadeln und Heroin usw. Das sind richtige Drogen. Aber Kokain und Ecstasy, das ist das Zeug, das man am Wochenende in der Disco nimmt.

Wie stellen Sie sich dazu?

Ich bin ja sehr liberal, ich finde man muss die Drogen liberalisieren, alle, egal. Denn ich glaube daran, dass die Menschen lernen müssen, mit diesen Sachen umzugehen - mit dem Preis, dass man daran sterben kann. Ich wollte sagen: Das ist diese Welt, die Droge gehört dazu, aber: Watch out! Es ist nicht so easy, wie es aussieht, das kann ich auch aus eigener Erfahrung sagen, ich habe all das Zeug in meiner Jugend auch ausprobiert.

Denken Sie, die Situation hat sich seit Ihrer Jugend wesentlich geändert?

Oft sagt man mir: Wie kann ein fast Fünfzigjähriger wie du etwas über diese Kids da machen? Aber ich hatte es damals genauso gemacht: Drogen, tanzen, körperliche Entäusserung, Sexualität, diese drei Pole hängen immer zusammen, wenn man jung ist. Zu meiner Zeit galt das allerdings als Rebellion, weil die Gesellschaft restriktiv war. Heutzutage ist das ein riesiges Geschäftsfeld geworden. Wenn du dich mit Drogen oder Musik entäusserst, dann hat es einen Warencharakter. Was bleibt einer solchen Jugend übrig?

Es gibt auch andere Jugendkulturen.

Ja, da muss man sagen, eine kleine Ausnahme machen die Hip-Hopper aus den Vorstädten bzw. aus dem unteren Mittelstand, die eine marginale Opposition machen. Jemand wie Paco - so ein sturer Grind war ich auch. Ich hielt meine Predigten. Ich begriff jedoch nicht, dass ein sorgfältiger Umgang mit seinen Mitmenschen es ausmacht, ob man dann ein guter Mensch wird.

Nach dem Film zu schliessen, ist Ihre Perspektive ziemlich pessimistisch: Die Droge reibt die beiden Mädchen und Pacos Bruder in den Tod.

Ja, aber es gibt auch die positive Konstante, die Familie. Ich bin in einer arabischen Sippe, einer Grossfamilie aufgewachsen und so war die Familie für mich auch immer Sinnbild für die Sehnsucht nach Geborgenheit. Aber die Basis dafür sind Respekt und Aufrichtigkeit im Umgang. Und das ist kompliziert.

Auffallend ist, dass fast alle Männer im Film zynische Arschlöcher sind, ausser Paco. Ist das eine Realität?

Nun, wenn du als Mann durch alle feministischen Stahlbäder gegangen bist, dann musst du das wohl so sehen...Im Ernst: Inzwischen bin ich alt genug, um selbstkritisch meine eigene männliche Vergangenheit zu analysieren und ich sehe, dass ich viele Muster dieser Arschlochmänner reproduziert habe. Insofern glaube ich, dass ich damit auch den Zustand dieser Gesellschaft spiegle. Aber jede Figur, auch Boris der Dealer, haben auch positive Seiten. Selbst der Dealer war anfangs viel facettenreicher als er dann rausgekommen ist.

Sie zeigen ja auch die Sehnsucht des Bürgertums nach dem Proletariat. Ist das nicht ein bisschen romantisch?

Hier habe ich aus meiner altlinken Vergangenheit geschöpft. Als ich in der Stifti als Schriftsetzer war, stellte ich fest, dass die Leaderfiguren der linken Bewegung aus gutem Haus kamen und den Proletenkult betrieben. Die radikalsten Teile des Bürgertums wollten immer die Ketten zu ihrer Herkunft kappen, um dann in die Niederungen zu steigen. Aber eigentlich finde ich das einen guten Zug. Dass jemand von unten rauf will, das ist verständlich. Aber jemand, der alles hat und es dann weggibt, das finde ich bewundernswert.

Wobei das ja meistens eine Pose ist. Nico beispielsweise will damit einfach Paco beeindrucken.

Zunächst schon, dann aber ist sie ja plötzlich auf sich allein gestellt. Ob Kostüm oder nicht, von oben herabzusteigen und so zu leben, wie 90 Prozent der Gesellschaft, das ist jedenfalls ein Verzicht. Darum wollte ich auch nicht Wanda zur Hauptfigur machen. Und das war zuweilen ein Problem.

Warum?

Wir hatten Mühe, den Film zu finanzieren, weil in den kulturfördernden Gremien viele Altlinke sitzen und selbstgerecht auch aus ideologischen Gründen Stoffe auswählen. Wir hatten Feedbacks wie: Was interessiert uns ein reiches Mädchen von der Goldküste? Da kann ich nur sagen: Was interessiert uns der Downfall einer Frau aus Schwamendingen? Das habe ich auch oft gesehen. Und die Geschichte der schönen, reichen Frau die abstürzt, ist ein interessantes Motiv.

«Snow White» ist ein Film über die hedonistischen und apolitischen Neunziger. Glauben Sie, die Jungen werden wieder politischer?

Nein. Ein Wort wie Gewerkschaft ist für die ein Fremdwort. Oder Feminismus oder Emanzipation - da steht ein grosses Fragezeichen. Klar gibt es diese herzigen Gymnasiasten von Attac - aber als Massenphänomen? Die Linke hat versagt, die 68er sind an der Macht - bald gewesen -, aber jetzt zeigt sich, dass sie sich nicht verankern konnten, dass sie eigentlich gar nichts mehr bedeuten.

Neuschnee am Zürichberg

Der Film «Snow White» des Zürcher Regisseurs Samir, der gestern am Festival von Locarno im Wettbewerbsprogramm gezeigt wurde, ist ein modernes, zauberhaftes Märchen. Eine Villa über dem Zürichsee; ein Glaspalast mit grosszügigem Gartenumschwung und Swimming Pool, ein paar junge Frauen in knappen Bikinis, tanzend, lachend, küssend. Die Sonne flimmert, die Luft vibriert, der Schnee rieselt. Eine ganz normale Party eben, eine Party von adoleszenten Goldküsten-Teenagern, die neben Kokain-Spiegelchen, BMW-Schlüssel und Champagnerglas nicht viel im Griff haben.

Hier ist Nico (Julie Fournier) zu Hause. Aber was heisst hier schon zu Hause. Hier feiert Nico Party und liefert Handyrechnungen ab. Geborgenheit findet sie nur bei ihrer besten Freundin Wanda, einer Mittelstandstochter aus Schwammedingen, die ihr Leben als Escort-Girl finanziert. Nicos Vater, ein beschäftigter Krawatten-Vasall, zeigt genauso wenig Interesse am Leben seiner Tochter wie die depressive und scheinbar egozentrische Mutter.

Nico, dieses zwanzigjährige Häufchen vergoldetes Elend, ist der Prototyp der postmodernen Wohlstandsjugend, die die Ereignislosigkeit der eigenen Existenz im Nebel von Glanz, Gloria und Drogenrausch zu verstecken sucht. Doch dann kommt er, der Prinz: Paco (Carlos Leal), ein berühmter Rapper aus Genf, hinterlässt an einem Konzert in Zürich bleibenden Eindruck bei Nico: wie könnte sie auch anders. Paco ist der Inbegriff von Consciousness, Seriosität und Hingabe. Die beiden verlieben sich und es beginnt eine berührende Liebesgeschichte zwischen der haltlosen Edel-Tochter und dem strebsamen Banlieue-Helden.

Samir hat mit «Snow White» ein farbenprächtiges, wunderbares modernes Musikmärchen realisiert, das glücklicherweise nicht zur moralischen Milieustudie verkommt, und doch den total unzynischen Zauber einer klassischen Liebesgeschichte beibehält.

Von Michèle Binswanger
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion