NZZ am Sonntag, 7. August 2005

Schneewittchen in Partytown

Samirs neuer Film «Snow White» ist ein Melodram mit harten Kratzspuren. Er startet im Wettbewerb des Filmfestivals Locarno.

Was wir in der Restschweiz hinter unseren niedrigen Stubenfenstern immer schon wissen wollten, uns aber nie zu fragen trauten: Wie die denn wirklich leben an der Zürcher Goldküste, die jungen Luxuselfen und die Discoprinzen, die am Wochenende in die Klubs der Trendstadt einfallen und dort auf die Agglo-Kids treffen, denen sie mit Vaters BMW-Schlüssel im Hosensack brutal den Massstab setzen in allem, was das Leben teuer macht. Wie leben sie denn wirklich? Gemäss dem Pool-und-Party-Fun, den sie als Lifestyle vorführen und der in einem hohlen Zirkelschluss wiederum das Bild ist, das Werbung, Mode und Kino propagieren? Oder ist vielleicht alles ganz anders? Ein spielerischer Film über die Träume in diesem Biotop riskiert jedenfalls, gleich selber in die Bilderfalle zu treten und dem Sog der kommerzialisierten Reize zu erliegen.

«Snow White» von Samir, der heute Sonntag im Wettbewerb von Locarno läuft und bald darauf einen markanten Schweizer Kinoherbst einläutet, wagt den Seiltanz. Der ethnologische Blick aufs Zürichseebecken hat schon früher Filmemacher interessiert: Thomas Imbach etwa in «Ghetto», einst auch Fredi Murer in «Christopher und Alexander». Samirs Genre-Label «Melodram» nun signalisiert, dass das Oszillieren zwischen sozialer Realität, Traumbild und Kinobild Programm ist. Schliesslich kennt man den Regisseur und Produzenten der Zürcher Talentschmiede Dschoint Ventschr seit Jahren als audiovisuellen Experimentierer, als gesellschaftlich engagierten Rechercheur und Arrangeur im Fiktiven wie im Dokumentarischen.

Ballade mit Melo-Touch

Die faszinierenden Möglichkeiten der digitalen Bildverarbeitung scheinen wie für Samirs Art zu erzählen erfunden worden zu sein, und er, mittlerweile auch schon fünfzig, hat sie seit Jahren selber mit entwickelt. «Snow White» ist ein filmisches Feuerwerk. Alle Kameraformate und Darstellungsstile vom ungeschminkten Video über das raue Super-16 bis zum brillanten 35-mm werden je nach Erzählebene aufgeboten. Die Montage hat einen rasanten Puls und ist mit Effekten wie Zeitlupe und Split Screen gespickt. Die Frage an das virtuose Kunststück in Clip-Ästhetik ist, was hinter der Netzhaut zurückbleibt.

«Nicht alles ist mir fremd, was da gezeigt wird», sagt Samir, «auch wenn ich selber nicht in dieser Schicht aufgewachsen bin, habe ich solche Figuren genügend gekannt, schon in den siebziger Jahren, sonst hätte ich nicht gewagt, das so umzusetzen.» Er will sein Melodram gleichzeitig als Ballade verstanden wissen, als Moritat, erzählt aus der Perspektive des welschen Rappers Carlos, der nach Zürich kommt, einen Amour fou mit Nico von der Goldküste erlebt und auf jenen Hedonismus trifft, in dem man sich in Partytown zu überbieten sucht.

Nico ist die Heldin, jung, glamourös, bildschön, stark, ein Modeltyp, doch in all dem Modellierten ist Widerständigkeit; diese wird sie in einem Suizidversuch und zuletzt in ein mehr als fragliches Happy End landen lassen. Die attraktive 23-jährige Französin Julie Fournier hat für diese Geschichte den genau richtigen Mangel an Lieblichkeit. Ihr Objekt du désir ist Paco, verkörpert vom Sänger Carlos Leal der Lausanner Hip-Hop-Gruppe Sens Unik: eine Charmegestalt mit erst flauen Zügen. Dem Melodram - zwei finden sich, verlieren sich dramatisch, finden sich wieder - kann nichts im Wege stehen.

Das Melodram lebt davon, dass es mit Emotionen nicht geizt; im raffinierten Fall führt es darüber hinaus dezent vor, dass es das tut. «Snow White» serviert im Stil von Hochglanzmagazinen Glamour, Kokain, Sex, Leidenschaft und handelt dann aber von ein paar bescheideneren Dingen wie Liebe, Respekt, Zuwendung. Will heissen: Der Film hat eine Moral, und die gehört überdies dem Mädchen von der Goldküste, nicht etwa ihrer Freundin Wanda aus Schwamendingen, die mit dem Leben bezahlt. «Das führte zwar», lacht Samir, «zu Problemen mit den Co-Produzenten in der Finanzierung. Mich interessiert aber, auch wenn ich in der linken Tradition verwurzelt bin, für einmal nicht die soziale Frage zur vorrangigen zu deklarieren, sondern grundsätzlich herauszufinden: Was stellt man mit seinem Leben an, wenn man den Reichtum tatsächlich hätte?» Es sei «die Sehnsucht nach Beziehungen, die auf Vertrauen und Geborgenheit aufbauen», der Antrieb für seine Figuren in den skizzierten Milieus, «in dem Sinne ist das auch ein moralisches Statement von mir selbst.»

Junges Publikum im Auge

Was die süffige Aufbereitung betrifft, so stehen Samir, der Produzent, und Samir, der Regisseur, in gutem Einvernehmen. «Snow White» hat eine langwierige Genese hinter sich. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sei es darum gegangen, das Ganze in jenem ungeschönten dokumentarischen Dogma-Stil zu drehen, für den es noch immer emotional hochfahrende Beispiele gibt: dort vor allem, wo Nico ihrem Geliebten nach allerhand Geflunker in der Villa ihre wahre Herkunft offenbart. Die vielleicht stärkste Szene.

Aber Samir ist sich bewusst, dass er mit ausschliesslich einer solchen Filmsprache hätte Abstriche machen müssen in der Erreichbarkeit des Publikums, «und ich will natürlich schon auch jüngere Zuschauer gewinnen, die sich ohne einen gewissen Zuckerguss einem so harten Thema vielleicht nicht stellen würden.» So frönt «Snow White» der auch kinematographischen Lust an der Ware Schönheit selber - bis just zu dem Moment, wo man allmählich die Brauen hochzieht. Das Finale ist Melodram pur, aber die Politur ist wie unter einem Meteoritenschauer zunehmend gelöchert worden. Und stets ist einsehbar, wo sich um der emotionalen Wahrhaftigkeit willen filmische Effekte verboten haben. Das ist virtuos. Der Seiltanz ist geglückt.

Von Martin Walder
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion