SonntagsZeitung, 7. August 2005

«Die Reichen an der Goldküste leben im perfekten Kommunismus»

Regisseur Samir über seinen neuen Film «Snow White», seine Rolle als Schweizer, Vorzeige-Iraker und seine Tochter, die nur «Nur» hätte heissen sollen.

Samir, haben Sie eine Geburtstagsdepression?

Jetzt haben Sie mich erwischt! Ja, ich bin 50 geworden, letzte Woche. «Snow White» ist sozusagen der Film zu meinem Geburtstag.

Darin feiert die Hauptperson ihren 20. und wird gefragt: «Häsch Geburtstagsdepro?». Wie ist es bei Ihnen?

Ich weiss nicht. Depressionen habe ich nicht. Aber ich habe auch nicht grosse Lust, diesen 50. Geburtstag zu feiern. Alle sagten mir, jetzt musst du auf den Putz hauen. Aber mir reicht die Filmpremiere vollkommen.

Wieso dreht ein 50-jähriger Filmemacher einen Film über ein 20-jähriges Goldküstengirl?

Es geht ja nicht nur um dieses Girl und die Goldküste. Es gibt darin auch Figuren aus meiner Generation, zum Beispiel den Nachtclubbesitzer Boris, von dem es heisst, er mache viel Geld im Entertainement-Business, verstehe sich aber immer noch als Rebell.

Aber die Hauptfigur ist doch das Schneewittchen von der Goldküste?

Ja, es gibt im Film diese jungen Frauen, die versuchen, sich im neuen System zurechtzufinden.

Was für ein System?

Das WSHPO: Die weisse, schweizerische, hedonistisch-protestantische Oberschicht.

Weiss, schweizerisch, hedonistisch, protestantisch?

Klar (lacht). Hedonistisch und protestantisch ist auf den ersten Blick ein Widerspruch, aber so wird hier gelebt: Unter der Woche hart arbeiten, am Wochenende abfeiern.

Ich nehme an, Sie haben früher auch Partys gefeiert.

Natürlich, ich kenne die Szene, auch wenn ich fünfzig bin. Nichts ist mir fremd, was im Film vorkommt, ich muss es einfach nicht mehr jedes Wochenende haben.

Was ist anders als damals?

Popmusik, Drogen und Sex waren, wie heute, die heilige Dreifaltigkeit des jugendlichen Daseins. Allerdings war alles verboten. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie rigide und geschlossen die Gesellschaft war. Dazu war ich noch Ausländer. Da konnte ich gar nicht anders, als in Revolte gegen das System zu sein.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten sich noch mit jeder Jugendbewegung solidarisiert...

Ja. Doch erstmals seit 50 Jahren stimmt die Gleichung «Jugend gleich Rebellion» nicht mehr. Mich hat erstaunt, wie die Warengesellschaft unter den Jungen als das Alleinseligmachende gilt.

Sie aber wollen immer noch die Welt verbessern?

Klar, und ich mag keine Abtrünnigen. Damit meine ich nicht, dass man bis ans Lebensende ein sturer Siech sein soll, der alles des Teufels findet, was in dieser Gesellschaft abgeht. Ich weiss auch, dass Ambivalenz eine Grundkonstante im menschlichen Dasein ist, und wir fühlen uns alle hingezogen zur oberflächlichen Welt. Diese attraktive Oberfläche, ist ein Teil von uns.

Und die Drogen?

Drogen repräsentieren immer auch ihre Zeit. In meiner Jugend waren sie halluzinogen und psychedelisch. Heute sind sie Ausdruck einer Gesellschaft, die auf körperlicher Kontrolle besteht.

Was heisst das?

Ecstasy sollen körperliche Sensibilität herstellen und Kokain Klarheit im Kopf schaffen. Das ist natürlich ein Witz. Dazu kommt, dass viele Kids meinen, sie hätten keine Probleme mit Drogen, süchtig seien nur die paar wenigen Junkies, die es noch gibt. Langfristig aber sind alle Drogen extrem schädlich.

Sind Sie für ein Verbot?

Überhaupt nicht, ich glaube an die selbstbestimmte Persönlichkeit, die keine Verbote braucht.

Sie würden alles freigeben?

Das sowieso.

In der Migros verkaufen?

Nein, ich bin dagegen, dass ein Geschäft daraus wird, aber das ist kaum zu verhindern. Übrigens: Ich wollte keinen Drogenfilm machen. Aber wenn jetzt ein paar Kids sich überlegen, ob sie dieses Zeug wirklich noch nehmen wollen, ist mir das recht.

Was ist «Snow White», wenn es kein Drogenfilm ist?

Ein Familienfilm (lacht), denn die Protagonisten hadern alle mit ihrer Familie. Nein, es ist ein Melodrama um eine junge Frau und soll im besten Sinn unterhalten.
Sie suchen das grosse Publikum?

Ich versuche eine Geschichte zu erzählen, die bestimmt mehr Leute interessiert als irakisch-jüdische Kommunisten...

...das Thema Ihres letzten Films.

Ja. «Snow White» ist eine universelle Geschichte. Melodramen sind ja eigentlich klassische Frauengeschichten, und seit Anna Karenina sind das immer Geschichten von noblen Frauen, die tief fallen. Wenn man also viele Leute erreichen will, muss man Klischees bedienen. Doch diese muss man auch immer wieder brechen, weil sich die Leute sonst langweilen.

Apropos Frauen, eine Freundin von mir sagt: Von Samirs Filmen kann man halten, was man will, eines ist sicher - es gibt darin wunderschöne Frauen.

Hm. Ich bin mit Frauen aufgewachsen. Die Kindheit verbrachte ich im Irak, in einer extrem patriarchalen Gesellschaft. Meine Tanten dort waren klassische Schönheiten der Fünfzigerjahre, aber auch Powerfrauen. Die haben durchgegeben, wo es langgeht. Das hat mich geprägt. In der Schweiz wuchs ich dann mit zwei Schwestern auf. Meine Mutter war Chefin der Familie, weil mein Vater als Migrant die Sprache nicht konnte...

Ihre Mutter ist Schweizerin?

Davon wusste ich nichts, im Irak.

Man hat es Ihnen verheimlicht?

Man hat mir schon gesagt, meine Mutter komme aus «Svizre», aber ich dachte, das sei eine ferne arabische Provinz. Meine Mutter war voll eingetaucht in die arabische Welt. Und ich wurde geprägt von diesen schönen, starken Frauen.

Das schlägt in all Ihren Filmen durch?

Vermutlich umgebe ich mich einfach lieber mit starken Frauen als mit müden Mannen. Es stimmt schon, es hat immer schöne Frauen in meinen Filmen. Sogar wenn das Schneewittchen abstürzt, habe ich gedacht, wau, die Darstellerin Julie Fournier sieht trotzdem toll aus.

Was war der Ausgangspunkt zu «Snow White»?

Schwierig zu sagen. Ich könnte jetzt behaupten, der Kopfschuss von Rudi Dutschke 1969 habe mich so beschäftigt, dass das die Basis wurde. Ich fragte mich tatsächlich, wie man mit einem Kopfschuss überleben und seine kognitiven Fähigkeiten wieder herstellen kann. Oder ich könnte zum Beispiel sagen, die Idee vom Kommunismus hätte mich inspiriert.

Kommunismus?

Klar. Im perfekten Kommunismus werden alle materiellen Bedürfnisse erfüllt, so dass man sich um nichts mehr kümmern muss. Bei den Reichen an den Goldküste ist das doch so. Aber das entlässt sie nicht aus der Frage, was sie mit dem Leben anfangen sollen.

«Party, Sex, Drogen und der Sinn des Lebens» steht auf dem Film-Plakat. Wie halten Sie es mit dem Lebenssinn?

Es gibt keine Formel dafür (lacht). Früher dachte ich, wenn die gesellschaftlichen Probleme gelöst seien, sei auch die Sinnfrage gelöst. Das glaube ich nicht mehr. Aber sagen wir es so: In einer gerechteren Welt hat man mehr Zeit, darüber nachzudenken.

Denken Sie anders, seit Sie Vater geworden sind?

Bestimmt sehe ich die Welt mit neuen Augen. Aber ich erwische mich auch bei der Frage, was ich einmal meiner Tochter sagen will, um den Sinn des Lebens zu erklären. Biologisch ist es klar, man kommt und geht, es ist ein Kreislauf.

Ihre Frau Stina Werenfels hat soeben einen Film gedreht, Sie ebenfalls. Haben Sie überhaupt Zeit für ein Familienleben?

Ja, ja. Entschieden.

Wie funktioniert das?

Z.B. habe ich nach der Fertigstellung des Films geschaut, dass ich immer um sechs daheim war. Dann habe ich für alle gekocht und wir haben zusammen gegessen. Arbeiten bin ich danach wieder gegangen.

Und tagsüber?

Die Kleine geht in die Krippe. Ohne das wäre es nicht möglich. Ich hatte zu Beginn ein schlechtes Gewissen. Aber die Krippenbetreuerinnen sind grossartig, ich hätte meiner Tochter gar nicht alles bieten können, was die tun. Meine Tochter ist ein soziales Wesen geworden, auch als Einzelkind.

Ihr Name, Samir, bedeutet «Geschichtenerzähler». Was erzählen Sie Ihrer Tochter für Geschichten?

Sie trägt einen arabischen Familiennamen, wird aber hier aufwachsen. Sie wird also mit dem Stigma herumlaufen, dass ihr Name nicht zur Umwelt passt. Das schon wird eine grosse Geschichte geben.

Haben Sie sich überlegt, sie gutschweizerisch zum Beispiel Käthi zu nennen?

Sie heisst Selma, das passt überall. Im Nahen Osten ist das die Abkürzung von Salam, von Friede. Eigentlich wollten wir sie Noor nennen, wie das Licht. Das wird «Nur» ausgesprochen, und sofort haben ein paar Freunde geäfft: Was, nur «Nur"? Wir haben also Rücksicht genommen und einen Namen gewählt für beide Kulturen.

Sie bezeichnen sich selber manchmal als Schweizer Vorzeigeiraki.

Das war während dem Krieg. Es gab ja erst in den Neunzigerjahren in der Schweiz eine Welle von Exil-Irakern. Vorher war ich allein auf weiter Flur. Weil ich hier die Sprache perfekt spreche und gegen den Krieg war, musste ich dafür hinstehen.

Hat Sie das gestört?

Nein. Aber es beschäftigt mich schon, wie man als Migrant immer deklarieren muss, wieso man etwas macht. Vielleicht so, wie man als Frau das auch immer machen muss. In der Finanzierung des Films wurde ich oft darauf angesprochen: Wieso willst du diesen Film machen, dass ist ja gar nicht dein Stoff.

Was antworteten Sie?

Dass das eine Verkennung sei. Ich kann ja nichts dafür, dass ich einen Fuss hier habe und einen Fuss dort. Ich kenne mich an beiden Orten aus, aber es ist nervig, dass ich mich rechtfertigen muss, wenn ich keinen Migrantenstoff mache.

Trotzdem sind Sie Präsident des Migrationsmuseums.

Wir wollen das Bewusstsein schaffen, dass die Schweiz ein Immigration- und aber auch ein Emigrationsland ist. Die SVP behauptet ja, das sei nicht so. Ich aber sage, das ist ein normaler Zustand. Nationen sind nicht in sich geschlossen, das gab's nie und wird es nie geben. Man soll die Durchlässigkeit der Kulturen als normal empfinden. Für das stehe ich gerne als Migrant hin.

Haben Sie eigentlich den 1. August gefeiert?

Ich finde das ein netter Folklorebrauch, denn ich gerne mit meiner Tochter feierte. Als politischer Bürger weiss ich, dass das ein Mythos ist, und die Schweiz 1848 gegründet wurde, als Staat. Das interessiert mich mehr als der 1. August und der Mythos von ein paar Bergbauern gegen Habsburg. Das ist ein schöner Filmstoff, aber mehr nicht.

Würden Sie einen solchen Film drehen wollen?

Wieso nicht? Rebellen, die gegen die Staatsmacht kämpfen, finde ich immer interessant. Aber die Demokraten aus dem 19. Jahrhundert, die für die Freiheit des Individuums kämpften, finde ich spannender und moderner.

Was fasziniert Sie an 1848?

Damals sind die Grundlagen zur modernen Schweiz gelegt worden. Deshalb stinkt es mir, wenn der Patriotismus am 1. August den Isolationisten der SVP überlassen wird. Ich bin als Linker auch ein Patriot.

Inwiefern?

Für mich ist die Schweiz in der weiten Welt eine der wenigen Ausnahmen, wo ein Staat auf einer mehrkulturellen Basis gründet. Das ist vorbildlich, auch als Lösungsvorschlag für viele Konflikte, in denen für eine simple national-isolationistische Lösung gekämpft wird.

Aber es gibt doch auch in der Schweiz Isolationisten?

Das gehört dazu. Aber die sind im Rückzugsgefecht.

Die sitzen im Bundesrat!

Der Bundesrat ist doch einfach eine Verwaltungseinheit, das ist der Vorteil unseres Systems, da kann es keine radikalen politischen Machtwechsel geben. Ich bin zuversichtlich, dass sich innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen solche rückständigen Ideen zurückdrängen lassen. Das ist auch eine Frage der Biologie.

Inwiefern?

Diese Leute sterben aus.

Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal in Irak?

Knapp vor dem letzten Golfkrieg. Dann wollte ich sofort nach dem Fall Bagdads wieder meine Verwandten besuchen. Doch meine Frau war schwanger und fand das keine so gute Idee.

Kontakte haben Sie aber noch?

Paradoxerweise engere Kontakte als früher, weil sich viele ein Handy zugelegt haben, oder einen Internetanschluss. Wir können uns besser austauschen, nur dass es noch elender ist, die schlechten Nachrichten zu hören.

Ihre Verwandten blieben dort.

Einige. Ich habe eine Halbschwester, zu der ich in engem Kontakt bin. Und jetzt ist gerade meine Lieblingstante gestorben.

Was hören Sie aus dem Irak?

Im Moment ist es wie ein Stillstand. Das lässt die Leute noch tiefer in Depression fallen. Vor allem für die Frauen ist die Situation katastrophal, meine Schwester und meine Cousinen hatten studiert und den Anspruch, einen Beruf auszuüben. Das ist unmöglich geworden.

Ihre Prognose?

Mittel- und längerfristig kann es nur besser werden. Die Mehrheit der Irakis ist zwar gegen die Besatzung, aber sie haben auch die Schnauze voll von diesen Terrorakten.

Heute wird «Snow White» in Locarno erstmals öffentlich gezeigt. Was machen Sie während der Vorstellung?

Ich bin bestimmt nervös. Aber ich war wohl nervöser, bei der Testvorführung, die wir durchführten.

Sie haben ein Testscreening gemacht wie in Hollywood?

Ja. Mit fünf Seiten Fragebogen und allem, was dazugehört.

Haben Sie danach etwas geändert am Film?

Glücklicherweise hats dem Publikum gut gefallen. Aber wir haben noch einmal zehn Minuten gekürzt. Das hatten wir schon vorher diskutiert, aber als Regisseur tut man sich da schwer. Da hat diese Vorführung geholfen. Danach kannte ich nichts mehr und sagte: Kill your darlings!

In Ihrem Film wird viel französisch gesprochen.

Ja. Es ist der erste Schweizer Bilinguefilm, den ich kenne. Komischerweise hatte ausgerechnet das Fernsehen Mühe damit und bemängelte, dass man untertiteln müsse. Ich sass also da und musste sagen: Entschuldigung, es heisst doch SRG SSR Idée suisse - und das ist jetzt wirklich ein Film, der das verkörpert.

Einige Deutschschweizer bemängeln, dass die Schlüsselstellen der Filmpolitik nun mit Westschweizern besetzt sind?

Das sehe ich nicht so. Der neue Filmchef Nicolas Bideau hat ein nationales oder sogar ein internationale Verständnis. Gerade gegenüber Frankreich und Deutschland brauchen wir einen guten Vertreter, was bis jetzt gefehlt hat. Das traue ich ihm zu.

Sie sind Vertreter der Schweiz im Wettbewerb von Locarno.

Als Migrantensohn, dem nichts geschenkt wurde, erfüllt es mich mit Stolz.
Nochmals: Was tun Sie heute während der Vorführung?
Sehr wahrscheinlich werde ich herumflitzen wie ein Irrer, einmal werde ich mich am Ton stören, das andere Mal an diesem und jenem.

Sie sind also im Saal?

Leider. Am liebsten würde ich draussen bleiben. Aber das schaffe ich nie, das halte ich nicht aus. Mich interessiert jede Regung des Publikums: Lachen die Leute an der richtigen Stelle und sind sie jetzt ganz still und berührt?

Interview: Matthias Lerf
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion