SonntagsZeitung, 21. August 2005

Lautstark rieselt der Schnee. Samirs neuer Spielfilm «Snow White»: grell, kitschig, kompromisslos

Vor einer Woche in Locarno: Alles spricht von Samirs «Snow White». Nur die Jury nicht. Die zeichnet zwar fast die Hälfte aller Wettbewerbsfilme aus, lässt den Schweizer Beitrag jedoch ins Leere laufen. Ein Fehlentscheid, ganz klar. Aber einer, der irgendwie in Samirs Melodrama angelegt ist: Dieses Schneewittchen lässt sich nicht so einfach lieben.

Paradox, denn alles ist auf Liebe angelegt. Es ist die herzergreifende Geschichte eines Engels, der ganz tief fällt. Es ist eine richtig kitschige Liebesgeschichte. Sie hat sogar so etwas wie ein Happyend. Wobei...

Nichts verraten. Nur, der Film beginnt ja mit seinem Ende: Wir sehen eine junge Frau, die offensichtlich ihr Sprechvermögen verloren hat. «Stuhl», «Haus», die einfachsten Wörter muss sie wieder lernen, und wir sind nicht sicher, ob sie Fortschritte macht. Dann - päng - gehts zurück, aber wir wissen immer, wo der Film landen wird. Das lastet auf der Liebe, die da beginnt.

Sie beginnt ganz normal. Ein Mann kommt am Zürcher Bahnhof an. Im Off erzählt er etwas über sich und die mit seiner Ankunft beginnende Geschichte. Dann geschieht - erste Überraschung - etwas Komisches: Der Off-Kommentar wird vom Ankommenden aufgenommen, er spricht ihn jetzt direkt in die Kamera. Das ist vielleicht nur eine Spielerei, aber sie bricht mit den Konventionen der traditionellen Kinoerzählung.

So geht das im ganzen Film: Er ist einerseits konventionell (braver Off-Kommentar) und gleichzeitig innovativ (Kommentar wird im Bild aufgenommen). Er ist laut, auch wenns um leise Töne geht. Er mixt wild Stile und Ausdrucksmittel. Er bricht Tabuzonen auf, und zwar nicht nur auf stilistischer Ebene.

Es wird gekokst, bis die Nasen bluten

Tabu Geld: Das Schneewittchen stammt aus der besten Zürcher Goldküstengesellschaft, es ist keine typische Heldin, mit der man sich problemlos solidarisiert. Sie ist reich und trotzdem nicht glücklich. Ein hämisches «selber schuld» mischt sich beim Betrachten dem Mitleid bei.

Tabu Drogen: «Snow White» ist kein Drogenfilm, aber es wird gekokst, bis die Nasen bluten. Und zwar in einer Selbstverständlichkeit, die zwar für gewisse Kreise realistisch sein mag, die allerdings einem weniger abgebrühten Zuschauer immer wieder die bange Frage «Ist das wirklich so?» entlockt.

Tabu Zürich: Der Film ist zweisprachig, spielt in Paris, Genf und Graubünden, aber sein Herz is in Zürich. Ausserhalb der Stadt kommt ein Anti-Zürich-Reflex dazu, der einen «bei uns ist das ganz anders» sagen lässt. Auch wenn das nicht stimmt.

«Selber schuld», «ist das so?», «bei uns nicht» - Samir kennt diese Reaktionen und spielt damit. Der Film ist grell, plakativ. manchmal fast überdreht. Er ist vereinfachend, wie ein Publikumsfilm sein muss - aber ohne Kompromisse. Er ist der eigenständigste Schweizer Film seit langem.

Schwächen hat der Film doch: Der Erzählstrang um eine Fotografin und eine «provokative» Kunstausstellung ist misslungen. Und in der letzten halben Stunde büsst «Snow White» viel von seiner Lebhaftigkeit ein, der Film plätschert auf der gleichen Emotionsschiene dem Ende entgegen.

Auf der andern Seite gibt es darin ein paar der erfrischendsten schauspielerischen Leistungen der letzten Jahre: Die Französin Julie Fournier in der Hauptrolle ist eine Entdeckung. Die Zürcherin Zoé Miku als ihre «Prolofreundin» steht ihr in nichts nach. Und Carlos Leal, Sänger der Westschweizer Band Sens Unik, prägt den Film durch seine Persönlichkeit und Authentizität. Ausserdem gibt es Zückerchen in den Nebenrollen wie Stefan Kurt als Theaterregisseur.

Also doch eine Liebe mit Happyend? Der wirkliche Schluss spielt im Schnee. In richtigem, kalten Schnee. Darin steht ein Prinz, der das Schneewittchen zu neuem Leben erweckt. Das ist nicht einfach zu akzeptieren. Aber wunderschön.

Von Mathias Lerf
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion