St. Galler Tagblatt, 6. August 2005

«Ich liebe gut gemachten Kitsch»

Er ist bekannt für ungewöhnliche Dokumentarfilme wie «Babylon 2» oder «Forget Baghdad». Nun überrascht Samir mit dem Goldküsten-Märchen «Snow White». Der Spielfilm läuft als einziger Beitrag aus der Schweiz im Wettbewerb von Locarno.

Ihr Film heisst «Schneewittchen», doch über weite Strecken wirkt er realistisch. Einzig die Liebe zwischen Paco und Nico hat etwas Märchenhaftes. Jetzt ist die Frage: Halten Sie wahre Liebe für ein Märchen oder finden Sie, in der harten Realität mute Liebe wie ein Märchen an?

Ich habe zwei Seelen in meiner Brust. Auf der einen Seite habe ich mit dem Alter einen gewissen Zynismus entwickelt und sage mir: Die Welt ist schlecht, gemein und hart. Auf der anderen Seite wünsche ich mir wie jeder Mensch auch, dass alles gut herauskommt und wunderbar wird. Überhöht manifestiert sich die Hoffnung im Märchenhaften. Ich versuche, das in meinen Film einfliessen zu lassen. Da gibt es Szenen, die so hart und realistisch sind, dass einem fast das Blut stockt. Gleichzeitig wollte ich, dass man das Kino mit einem Gefühl verlässt, dass Hoffnung möglich ist.

Die Szene, wo Nico davon träumt, zu Paco hinzufliegen, um ihn zu küssen, ist Kitsch in Reinkultur. Mögen Sie Kitsch?

Total. Ich liebe gut gemachten Kitsch.

Man sieht Sie also auch ab und zu in einem Hollywood-Film?

Man sieht mich nicht nur in jedem Hollywood-Film, sondern auch in jedem Bollywood-Film. Das hat mich in meiner Kindheit geprägt. Damals liefen in den Kinos von Bagdad hauptsächlich indische Filme. Natürlich wären meine intellektuellen Onkels nie mit mir dorthin gegangen, aber meine intellektuellen Tanten taten es.

Nico und Paco lieben sich einmal auf dem Dach der Kehrichverbrennungsanlage Hagenholz. War das einfach eine coole Location für Sie oder wie soll man das als Zuschauer deuten?

Es war auf dem Dach des Fernheizwerks neben der Kehrichtverbrennungsanlage. Mir war wichtig, unsere Welt nicht nur als eine hässliche und herzlose Betonlandschaft darzustellen, sondern auch einen Art Poesie darin zu sehen. Die Liebe wertet die Betonwüste quasi auf. Es ist doch einen witzige Analogie, dass die Liebe auf dem Dach des Hauses stattfindet, von wo aus alle Wohnungen Schwammendingens beheizt werden.

In Ihrem Film koksen alle. Ist das wirklich so schlimm in der Clubszene?


In Realität ist es noch viel extremer. Bei meinen Recherchen bin ich echt erschrocken. In Zürich ist das flächendeckend. Obwohl ich eigentlich für die Drogenfreigabe bin, finde ich, muss man den Kids klar machen: Zu viel von diesem Zeugs brennt dir das Hirn weg. Doch Ecstasy und Kokain werden von den Jungen heute gar nicht mehr als Drogen wahrgenommen. Das hat damit zu tun, dass diese Substanzen die absolute Kontrolle suggerieren. Man bekommt nicht Halluzinationen, sondern hat das Gefühl, voll da und der Grösste zu sein. Und alle machen sich vor, man brauche den Stoff am Montag nicht mehr. Wenn diese Drogen zu einem Konsumartikel werden, ist es wirklich gefährlich.

Sie werden Ende August 50. Was denken Sie von den Jungen von heute?

Die heutige Jugend ist mir sehr nahe. Ich machte den Film in dieser Szene, weil ich mich selber auf eine gewisse Art immer noch jung fühle. Ich weiss genau gleich Bescheid, was in Musik, Film oder Kunst angesagt ist. Allerdings habe ich einen Rucksack von Erfahrungen und muss all diese Dummheiten nicht mehr machen. Einerseits finde ich es toll, wie die Jungen sich ins Leben stürzen. Anderseits verspüre ich eine gewisse Traurigkeit, weil ich es schade finde, dass sie in einer Gesellschaft aufwachsen, wo es gar keine Rebellion mehr gibt. Die Jungen verstehen sich gar nicht mehr als Rebellen.

Fühlen Sie als renommierter Filmemacher sich denn noch als Rebell?

Ja. Ich gelte zwar als Sonnyboy, dem immer alles gelingt, aber ich nehme das ganz anders wahr. Vor «Snow White» habe ich in diesem Land kein einziges von fünf Spielfilmprojekten durchgebracht. Ich konnte Dokumentarfilme machen und Spielfilme von anderen produzieren, aber meine eigenen Spielfilmprojekte wurden von den Gremien stets abgelehnt. Anfang der Neunzigerjahre hatte ich eine Geschichte über Hip-Hop und italienischen Terrorismus geschrieben. Dann wollte ich einen Spielfilm über Blochers Aufstieg machen, bevor er Bundesrat geworden ist. Meine Themenwahl sowie der Versuch, ernste Themen populär umzusetzen, eckten an. In diesem Sinne bin ich ein Rebell, ein Rebell gegen dieses verkrustete Fördersystem, welches das Mittelmass bevorzugt.

Für «Snow White» haben Sie mit Michael Sauter, Co-Autor von «Achtung, fertig, Charlie!», zusammengetan. Wollten Sie damit bewusst einen Schritt in Richtung Massenpublikum tun?

Nein. Das ist eigentlich ein Zufall. Ich suchte einen jüngeren Autor, der Lust hat, mit mir zusammen diese Geschichte zu schreiben. Das war noch vor «Charlie». Als ich bei «Strähl» mit Michael zu tun hatte, merkte ich, dass er ein sehr gutes Gespür für Charaktere und Dialoge hat.

Interview: Reto Baer
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion