Die Südostschweiz, 9. August 2005

Schneewittchens Blick in den Spiegel

Mit Spannung ist in Locarno der einzige Schweizer Wettbewerbsbeitrag «Snow White» erwartete worden. Samirs melodramische Liebesgeschichte im Schickmicki-Milieu geriet zum Balanceakt, bei dem Abstürze nicht ausblieben.
Zunächst ist die junge Frau kaum ansprechbar. Sie hat ihr Gedächtnis verloren. Das Leben, in das sie zurückfinden soll, ist ihr entglitten. Am Ende findet sie Geborgenheit in den Armen eines Mannes. Ein letzter oder erster wahrer Liebesakt?

Die verstörte Frau heisst Nico, ist um die 21 Jahre jung, aus reichem Goldküsten-Elternhaus. Sie stürzt sich hemmungslos ins Leben. Und das heisst: exzessive Partys feiern, konsumieren, koksen. Meistens zusammen mit ihrer Freundin Wanda, ein Mädchen aus Schwamendinger Arbeiterverhältnissen. Das kostet. Wanda lässt sich von ihrem Liebhaber aushalten, Nico hält sich an Boris, den Besitzer ihrer Lieblingsdisco. Die Freundinnen suchen den Kick und verfangen sich in Netzen, die sie selbst mit ausgelegt haben. Sie überschreiten Grenzen. Nico hat einen Dealer im Nacken, dem sie 30 000 Franken schuldet, und Wanda verliert jegliche Selbstkontrolle.

Der Traumprinz als Rapper

Nun ist da noch ein Traumprinz im Spiel, den Nico in der Disco flüchtig kennen lernt und in den sie sich verliebt: der Rapper Paco, Kopf einer Westschweizer Band. Er stammt aus einer spanischen Arbeiterfamilie, die in der Westschweiz heimisch geworden ist. Die Liebesprobleme beginnen damit, dass Nico Paco gegenüber ihre Herkunft verleugnet. Paco ist hin-und hergerissen. Besonders als er, der seinem Junkie-Bruder nicht helfen konnte, erfährt, dass seine grosse Liebe eine schwere Kokserin ist, als Fotomodell für fragwürdige erotische Aufnahmen posiert und ihm weiterhin Lügen auftischt. Am Ende ist «Schneewittchen» Nico allein, von Boris (Stefan Gubser), ihrem Vater (Benedict Freitag) und ihrer Mutter (Sunnyi Melles) ausgeschlossen, und sieht nur einen Ausweg.

Nur die Liebe zählt

Dass die melodramatische Liebesgeschichte im hellen Schnee und nicht dunklen Loch endet, ist Regisseur Samir zuzuschreiben, der das Buch zusammen mit Michael Sauter entwickelt hat. «Snow White» bietet ein vielseitiges Gesellschaftspanoptikum: junge Frauen, aufstrebende Musiker, Arbeiter, Abzocker, Machos, besorgte und gleichgültige Eltern. Dieses Ensemble, zu dem noch eine lüsterne Fotografin, ein Band-Manager (Pascal Ulli), ein unsensibler Theaterregisseur (Stefan Kurt) und zwei Freier (Patrick und Martin Rapold) stossen, führt eine Gesellschaft vor, die sich über Sex, Erfolg, Geld und Konsum definiert. Schliesslich bleibt nur die Liebe, und auch die kommt nicht ohne Wunder märchenhafter Magie aus.

Was die Authentizität der Zürcher Schickimicki-Szene, der Kokser- und Arbeitermilieus angeht, hat Samir beste Arbeit geleistet. Seine Hauptdarsteller sind in allen Phasen überzeugend: Julie Fournier aus Paris spielt Nico, das Schneewittchen, das auf der Suche nach Lebenssinn in die Irre läuft und aus der Bahn geworfen wird; Carlos Leal, als Sohn spanischer Einwanderer in Genf geboren und Sänger der Band Sens Unik, verkörpert Paco, den unglücklich verliebten Rapper; die Deutsche Zoé Miku spielt Nicos Freundin Wanda, die sich verkauft, um ihren materiellen Traum vom Glück zu erfüllen, und letztlich für Nico alles gibt.

Mit Klischees gespickt

«Snow White» erweist sich als vielschichtiger Film mit Höhen und Tiefen, der eine Brücke zwischen der Romandie und der Deutschschweiz schlägt, der auf dokumentarischem Fundament steht und gleichwohl märchenhaft abhebt. «Snow White» ist aber auch (absichtlich?) gespickt mit Klischees (reiche, verkorkste Eltern, lesbische Fotografin, österreichische Dealer, usw.) und vor Abstürzen nicht gefeit. Dazu gehören die Szenen am Flughafen (Drogencheck bei der Ausreise), die Koksorgien im Hotel (samt Escort-Service) und das bittersüsse Ende im Schnee. Samir hat viel gewagt und einiges gewonnen - vielleicht auch das jugendliche Publikum, das er gezielt anspricht. Ob es für einen Leoparden reicht, ist ebenso ungewiss wie die Zukunft Nicos am Ende des Films.

Von Rolf Breiner
 
     
Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion