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Tages Anzeiger, 8. August 2005 «Ich bin ein heftiger Mensch» Der Schweizer Regisseur Samir erzählt in «Snow White» von zwei Liebenden unter einem Unglücksstern. Der Film lief am Sonntag in Locarno im Internationalen Wettbewerb. Wenn die Liebe einschlägt in Samirs «Snow White», schwebt Schneewittchen in einem Augenblick skrupelloser Unwirklichkeit dem entgegen, den sie für ihren Prinzen hält, und ihr Haar ist schwarz wie Ebenholz, und ihre Lippen sind rot wie Blut. Und es ist ein einziges schicksalhaftes Liebäugeln zwischen der zarten Schönheit und dem Sänger Paco, der sich im Klub Casanova gerade geweigert hat, die künstlerische Seele ans falsche Publikum zu verkaufen. Es ist das alte Märchen. Aber natürlich heisst Schneewittchen nicht so, sondern heisst Nico (Julie Fournier), und dramentechnisch gesehen fliegt sie nur, um tief zu fallen, dorthin, wo ein Dealer rabiat wird und ein erregter Jungbanker zudringlich. Denn sie gehört zum falschen Publikum und zu jener Zürcher Goldküstenkreisen, in denen das Wort Schnee seine natürliche Unschuld verloren hat. Paco (Carlos Leal) mit seinem fast schon pathetischen Klassenbewusstsein würde sie nicht wollen, wenn er es wüsste und wenn das Herz nicht doch machte, was es will. Nur weil für die beiden das Märchen durch die Wirklichkeit schimmert, nehmen sie sich und beginnen ihren Liebesirrlauf. Er führt von Missverständnis zu Missverständnis, von der Liebe zur Lüge und von der Illusion ins Elend. Es ist die alte Realität . Aus der Reibung gewinnt dieser Film seine visuelle Eleganz. Samir, in Bagdad geboren, in der Schweiz aufgewachsen und seit zwanzig Jahren ein Spieler mit filmischen Formaten und Genres, experimentiert gewissermassen mit dem Wahrheitsgehalt des Melodramas. Kleine, geplante Irritationen im Schnitt deuten psychologische Unordnung an; der Lichtwechsel vom Glanz des 35-mm-Films zum nüchternen schmuddligeren Video definiert Lebensstimmungen; in unverspielten Szenen entsteht die stärkste Rührung, und eine in Fetzen gerissene Bilddramaturgie erzeugt die erstaunlichste harmonische Intimität. Deshalb erzählt «Snow White» dann eben noch mehr als die Geschichte von zwei Liebenden unter dem Unglücksstern: nämlich von der Komplexität des Einfachen, von Klischees, die auch einmal als Wahrheit begonnen haben, und von den Fehlern, die man macht, wenn man sich, wie man so schön sagt, wahrnimmt. Ein relativ simples Drama trifft da auf eine komplex gemischte Bildsprache. Wie würden Sie Ihr visuelles Konzept definieren? Meine Zielvorgabe, wenn man das so nennen will, war hier ein wirklich emotionaler Film. Und doch sollte die jahrelange experimentelle Erfahrung, diese ganze Suche nach neuen Ausdrucksformen, auch drin sein. Die Erfahrung war ein Vorteil. Ich weiss zum Beispiel einfach, dass man keine Split-Scree-Orgien veranstalten kann, wenn es um starke Emotionen geht, es sei denn, diese Technik führt zu mehr Nähe zwischen Figuren, die in einer grossen Intimität miteinander telefonieren. Nur dann sind Menschen bei mir gleichzeitig im geteilten Bild, und da reize ich eben den alten Vorteil des Films aus, der mit einem Bilderschnipsen den Ort wechselt und vereinheitlicht. Aber allgemeiner: Dieses Verfahren dient der Definition von Situationen. Es liefert mehr Information in kürzerer Zeit. Und es half dann auch, mich in den hochemotionalen Momenten ganz auf die Arbeit mit den Schauspielern zu konzentrieren. Ist im Spiel auf der Bildebene auch ein gewisses Misstrauen gegen die einfache Erzählung im Film enthalten? Nicht einmal. Ich wusste einfach, ich bin als Regisseur zeitlich beschränkt, und der Widerspruch ist: Je gradliniger die Geschichte erzählt wird, desto weniger erlaubt sie einem, Nebenschauplätze zu öffnen. Das wollte ich aber. Ich wollte ein gesellschaftliches Spiegelbild zur Erzählung liefern. Die Geschichte vom Absturz eines reichen, gescheiten, verrückten Mädchens, geradeaus erzählt, das schafft man in 90 Minuten als Teeniedrama. Ich wollte einfach mehr, eine Art Sittenspiegel, und oft mäandert der Film jetzt durch verschiedene Szenen und Bildschichten und soziale Situationen. Das geht nicht gegen das Melodrama, es kommt einfach der Versuch zur Reflexion dazu. Es war von Anfang an klar, dass das zu einem eklektischen Filmstil führt, aber das repräsentiert doch auch unsere atomisierte Gesellschaft. Mir kam es manchmal vor wie ein Film darüber, wie Menschen einander anschauen und falsch sehen... Wenn darin die Frage steckt, was meine Prämisse ist, dann ist die Antwort schon: eine moralische Haltung. Dass wir viel zu wenig innehalten und sorgsam miteinander umgehen. Ich inklusive. Dieser Paco, die männliche Hauptfigur, ist mein Alter Ego, weil ich den gleichen Blödsinn auch gemacht habe. Wahrscheinlich mach ich es jetzt noch. Ich bin ein heftiger Mensch und will genau das, was ich will, ohne Rücksicht auf Verluste, und in den zwischenmenschlichen Beziehungen hat sich das nicht immer gelohnt. Das ist im Film enthalten. Das wäre die eine Botschaft. Aber sagt der Stil nicht auch: Glaubt nicht alles, was ihr seht? Ja. Aber der Wunsch nach Geborgenheit, der die emotionale Geschichte trägt, ist tief in uns drin, auch wenn wir versuchen, alles rational und reflexiv wahrzunehmen. Und diese Sehnsucht muss erfüllt werden, das ist auch ein rebellischer Moment, daran glaube ich. Es ist ja eine faszinierende Erfahrung, dass die richtige Auswahl von Identifikationsfiguren das reflexive Vermögen der Zuschauer überwindet, sogar in Dokumentarfilmen. Versuche, das Illusionskino aufzubrechen, gab es schon in den Siebzigerjahren bei Alain Tanner und anderen, dieses: Achtung, Achtung, wir erzählen hier nur einen Film, und dann haben es die Zuschauer doch vergessen. Das hat mir an dieser Generation von Filmemachern aber immer gefallen, dass sie zugab: Wir manipulieren und werden durch das Medium manipuliert. Diese Ambivalenz muss einem bewusst sein. Sie brechen die Illusion durch märchenhafte Elemente. Wenn Sie wollen, dürfen Sie es tiefenpsychologisch darauf zurückführen, dass ich durch Bollywood-Filme und ägyptische Schmonzetten sozialisiert wurde. Auf der intellektuellen Ebene arbeite ich einfach gern mit diesen ironischen Mitteln, um den Zuschauern die Reflexionsmöglichkeit zu lassen und zu sagen: Hey, that's a movie. Und also nicht ganz von dieser Welt? Diese Haltung habe ich früher allerdings stärker vertreten. Heute weiss ich es nie recht, weil alles, was man erfindet, von der Welt überholt wird. Ich habe bei meinen Recherchen ein paar Mädchen von der Goldküste kennen gelernt, die viel böser in der Gosse gelandet sind als Nico bei mir. Das würde man einem Dokumentarfilm gar nicht glauben. Also sagen wir: Die Überhöhung in diesem Film ist auch ein Schutzmittel gegen eine unglaublich kalte Welt. Jedenfalls könnte sich herausstellen, dass Samirs «Snow White» einer der anspielungsreichsten und raffiniertesten Filme im Wettbewerb von Locarno ist. Noch in der irrealsten Melodramatik hält dieses Erzählgeflecht - auch dank einer hervorragenden und oft gegen den Strich gebürsteten Besetzung (Sunnyi Melles ist dabei, also immerhin: eine echte Prinzessin als Nicos bis zur Entrückung verhuschte Mutter). Es ist viel warmes Gefühl im visuellen Spiel und in der Wärme dann wieder genug realistischer Pessimismus gegenüber einigen Leben, in denen so viel Sauerei ist, dass das Aufräumen vielleicht nicht mehr hilft. Aber wo Märchen ist, ist auch Hoffnung. Von Christoph Schneider |
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| Last update: 20.01.2006, Dschoint Ventschr Filmproduktion | |||